11. September 2025

Aus der Region, für die Region

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Saalfeld-Rudolstadt ist Fokusregion der Gemeinschaftsinitiative „Zukunftswege Ost“. David Theobald koordiniert dort ein starkes Netzwerk engagierter Akteure. Im Interview spricht er über Herausforderungen, lokale Kooperationen und wie sich Menschen für zivilgesellschaftliches Engagement gewinnen lassen.

David Theobald koordiniert die Gemeinschaftsinitiative „Zukunftswege Ost“ in der Fokusregion Saalfeld-Rudolstadt in Thüringen. © Christian Steiner/Batix Software GmbH
David Theobald koordiniert die Gemeinschaftsinitiative „Zukunftswege Ost“ in der Fokusregion Saalfeld-Rudolstadt in Thüringen. © Christian Steiner/Batix Software GmbH

Herr Theobald, Sie sind für die Koordination der Gemeinschaftsinitiative Zukunftswege Ost in der Fokusregion Saalfeld-Rudolstadt in Thüringen zuständig. Warum wurde Saalfeld-Rudolstadt als Fokusregion ausgewählt?

David Theobald

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Saalfeld-Rudolstadt hat bereits ein breites Netzwerk engagierter Zivilgesellschaft. Dieses Netzwerk wurde über viele Jahre durch das Bundesprogramm „Demokratie Leben!“ aufgebaut. Es gibt viele Menschen, die sich aktiv engagieren – aber auch Strukturierungsbedarf und den Wunsch nach einer langfristigen strategischen Ausrichtung. Die Region hat also eine gute Grundlage, auf der wir aufbauen können, und gleichzeitig gibt es noch viel ungenutztes Potenzial.

Was macht zivilgesellschaftliches Engagement in Ihrer Region aus?

David Theobald

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Das Engagement in unserer Region zeichnet sich vor allem durch die starke Verwurzelung in der Gemeinschaft und die enge Verbindung zu lokalen Themen aus. Viele Menschen sind sehr heimatverbunden und das Engagement ist oft praktisch und lösungsorientiert, mit einem klaren Fokus darauf, das direkte Lebensumfeld zu verbessern. Zum Beispiel durch Dorffeste, Jugendprojekte oder die Unterstützung von Vereinen. Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Akteuren – von zivilgesellschaftlichen Initiativen über Unternehmen bis hin zu Bildungseinrichtungen. Diese Kooperationen schaffen Synergien und ermöglichen es, größere Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen. Ein weiterer Aspekt, der das Engagement hier ausmacht, ist die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen und Brücken zu bauen – auch wenn es politische oder persönliche Differenzen gibt.

Die Herausforderungen für zivilgesellschaftliche Initiativen sind vielfältig und oft sehr komplex.Bild eines Anführungszeichens

David Theobald

Koordinator Zukunftswege Ost

Sie sind schon lange in Ihrer Region aktiv. Welche zentralen Herausforderungen sehen Sie aktuell für zivilgesellschaftliche Initiativen?

David Theobald

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Die Herausforderungen für zivilgesellschaftliche Initiativen sind vielfältig und oft sehr komplex. Ein Problem, das fast alle betrifft, ist das Thema Finanzierung. Viele Initiativen kämpfen damit, die nötigen Mittel für ihre Arbeit zu beschaffen. Dabei gibt es in Deutschland viele Förderinstrumente. Das Problem ist oft, dass viele Menschen diese Fördermöglichkeiten nicht kennen oder nicht das Know-how haben, um die Fördermittel zu beantragen.

Noch wichtiger als die Finanzierung ist jedoch die Frage, wie wir Menschen motivieren können, sich zu engagieren. Viele sind zwar grundsätzlich interessiert, aber sie bleiben dann doch eher passiv und kommen nicht ins Handeln. Es braucht praktische Beispiele und Erfolgserlebnisse, um zu zeigen, dass jedes Engagement einen Unterschied macht. Einige Menschen sehen unsere Demokratie als selbstverständlich an und erkennen nicht, dass sie aktiv dazu beitragen müssen, sie zu erhalten und zu stärken.

Haben Sie Lösungsansätze, wie man diese Herausforderungen angehen kann?

David Theobald

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Ein zentraler Ansatz ist, Kooperationen zwischen Zivilgesellschaft und Unternehmen zu fördern. Wir versuchen, beide Seiten zusammenzubringen, damit sie voneinander profitieren können. Ein Beispiel: Zwei Personen mit Fluchtgeschichte haben erfolgreich eine Ausbildung in einem regionalen Unternehmen absolviert. Geblieben ist aber keiner von ihnen – sie haben sich schlicht und einfach nicht wohlgefühlt. Es fehlte an interkultureller Kompetenz und den entsprechenden Strukturen, diese aufzubauen. Wir haben daraufhin einen Verein aus Jena eingebunden, der sich seit über 20 Jahren mit interkultureller Kommunikation beschäftigt. Jetzt arbeiten wir daran, diesen Verein mit dem regionalen Unternehmerverband zu vernetzen, um solche Probleme in Zukunft zu vermeiden. Gleichzeitig überlegen wir, wie die Unternehmen die Arbeit des Vereins unterstützen können. Solche Kooperationen sind ein Gewinn für beide Seiten und zeigen, wie wichtig es ist, Netzwerke zu schaffen.

Es geht darum, den sozialen Zusammenhalt zu stärken und eine aktive, lebendige Gemeinschaft zu fördern.Bild eines Anführungszeichens

David Theobald

Koordinator Zukunftswege Ost

Das klingt vielversprechend. Gibt es konkrete Projekte, die sich durch die Gemeinschaftsinitiative etabliert haben?

David Theobald

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Ja, es gibt bereits einige Projekte, die durch die Gemeinschaftsinitiative angestoßen wurden. Ein Beispiel ist ein Dorffest, das nach vielen Jahren Pause in einer kleinen Ortschaft stattgefunden hat. Das Zusammenleben dort war lange Zeit von Spannungen und Konflikten geprägt, es gab kaum noch Gemeinschaftsaktivitäten. Eine engagierte Familie hat die Initiative ergriffen und das Fest organisiert – mit großem Erfolg. Menschen, die jahrelang keinen Kontakt mehr zueinander hatten, kamen ins Gespräch. Selbst Nachbar*innen mit völlig unterschiedlichen politischen Ansichten haben sich ausgetauscht. Das Fest hat gezeigt, wie wichtig solche lokalen Initiativen sind, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken.

Ein weiteres Beispiel ist die Entwicklung einer digitalen Berufsschule, um Auszubildende in der Region zu halten – denn viele Ausbildungsberufe können hier nicht mehr angeboten werden, weil die Nachfrage zu gering ist. Gemeinsam mit dem Bildungszentrum Saalfeld arbeiten wir daran, es den Auszubildenden mit einer digitalen Berufsschule trotzdem zu ermöglichen, den theoretischen Teil online zu absolvieren.

Wie können in Zukunft noch mehr Menschen in Ihrer Region für demokratisches Engagement motiviert werden?

David Theobald

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Für viele ist entscheidend, dass Initiativen nicht als staatlich gelenkt wahrgenommen werden. Das mag für manche komisch klingen, doch viele Bürger*innen stehen staatlichen Projekten skeptisch gegenüber – insbesondere dann, wenn sie mit Steuergeldern finanziert werden. Stattdessen hilft es, wenn private Förderungen, Stiftungen und lokale Unternehmen als Unterstützer auftreten. Das öffnet häufig die Tür für Dialog und Engagement. Wichtig ist auch die persönlich Ansprache: Die Menschen müssen dort abgeholt werden, wo sie sind – auf Marktplätzen, vor Supermärkten oder bei lokalen Veranstaltungen. Zuhören und ihre Themen ernst nehmen schafft Vertrauen. Lokale Vorbilder spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle. Wenn Menschen sehen, dass Nachbar*innen oder Unternehmen sich engagieren und Erfolge erzielen, motiviert das, ebenfalls aktiv zu werden. Initiativen müssen als das wahrgenommen werden, was sie sind: aus der Region, für die Region. So kann langfristiges Engagement gefördert werden.
© Christian Steiner/Batix Software GmbH
© Christian Steiner/Batix Software GmbH

Über David Theobald

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David Theobald arbeitet für die Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein gGmbh und ist Koordinator der Gemeinschaftsinitiative Zukunftswege Ost in der Fokusregion Saalfeld-Rudolstadt. Er bringt langjährige Erfahrung und ein starkes Netzwerk mit: Nach seiner Tätigkeit als externe Koordinierungsstelle des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ im Saale-Orla-Kreis war er über vier Jahre als Nachhaltigkeitsmanager der Stadt Saalfeld tätig und setzte im „Superwahljahr“ 2024 das Projekt „Ortsgespräche//24“ mit über 40 Dialogveranstaltungen in Thüringen um.