29. Juli 2026

„Demokratie beginnt in der Sporthalle“

Plus Icon Demokratie//Gesellschaft//

Trainer:innen sind essenziell im Vereinssport. Ehrenamtlich coachen sie Kinder und Jugendliche und gehen mit gutem Beispiel voran. In diesem Gespräch stellen wir einen davon vor: Julian Hörndlein, seines Zeichens Tischtennis- und Demokratietrainer.

Tischtennistunier in einer Sporthalle. Mehrere Personen spielen an sechs Tischtennisplatten.
Sporttuniere sind Orte der Begegnung und stärken den Zusammenhalt – und damit auch den Gedanken unserer Demokratie | © Jörg Kaiser

Wie bist du zum Tischtennis gekommen?

Julian Hörndlein

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Über meinen Patenonkel. Der hat früher selbst höherklassig gespielt und mich zum Tischtennis gebracht. Ich habe vorher in der Grundschule Karate gemacht, daran aber irgendwann die Lust verloren. Und als er mich dann ansprach, dass Tischtennis doch etwas für mich sein könnte, passte das dann auch ganz gut. Es war genau die Zeit, als der Verein gerade wieder anfing, Jugendarbeit zu machen. Ich war damals einer der Ersten, die dazugekommen sind – und bin heute einer der wenigen, die dabeigeblieben sind, auch wenn ich selbst sportlich nie allzu große Ziele hatte.

Demokratietrainer? Das schauen wir uns mal an!Bild eines Anführungszeichens

Julian Hörndlein

Jugendleiter der SpVgg/DJK Heroldsbach/Thurn

Heute bist du nicht nur Jugendtischtennistrainer, sondern auch Demokratietrainer. Wie kam es dazu?

Julian Hörndlein

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Das hat sich aus meinem ehrenamtlichen Engagement entwickelt. Irgendwann war ich nicht mehr nur im Verein aktiv, sondern auch auf Verbandsebene. Dort habe ich an verschiedenen Austauschprogrammen teilgenommen. Besonders prägend war dabei für mich die Tischtennis-Weltmeisterschaft 2017 in Düsseldorf, an der ich als Volunteer an einem deutsch-französischen Freiwilligenprogramm teilgenommen habe. Frankophil wie ich bin, hat mich der Wettkampf vor Ort echt begeistert. Und es passt im Rückblick sehr gut zum Demokratiethema.

Über dieses Netzwerk bin ich dann etwas später im Juniorteam des Bayerischen Tischtennis-Verbands gelandet. Das Ziel des Juniorteams ist es, junge Ehrenamtliche zu fördern. Über dieses Engagement bin ich dann auf die Ausschreibung von TEAM Sport-Bayern für die erste Ausbildung zum Demokratietrainer gestoßen. Mein Juniorteam-Kollege Leon Schneider und ich, wir haben dann beschlossen: Das schauen wir uns mal an!

Wie kann man sich diese Ausbildung zum Demokratietrainer vorstellen?

Julian Hörndlein

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Da gab es verschiedene Module und Themen. Das reicht von aufwühlenden Inhalten wie politischem Extremismus über interkulturelle Kommunikation bis zur Medienkompetenz. Medienkompetenz kannte ich schon wegen meines beruflichen Hintergrunds, aber ich habe auch völlig neue Impulse erhalten, vor allem beim Thema Prävention sexualisierte Gewalt (PsG). Das ist bei mir besonders hängengeblieben, weil mir bewusstwurde, wie wichtig es für Vereine ist, Schutzkonzepte zu haben.

Wie setzt du das Gelernte heute im Verein ein?

Julian Hörndlein

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Im Anschluss an die Ausbildung zum Demokratietrainer habe ich mir dann selbst die Aufgabe gestellt, ein Gewaltschutzkonzept im Verein zu erstellen. Zu Beginn stieß ich durchaus auf Skepsis, aber mittlerweile bin ich in unserem Mehrsparten-Breitensportverein Gewaltschutzbeauftragter und habe später auch das Vorstandsressort Gewaltschutz übernommen.

Hat sich durch die Ausbildung zum Demokratietrainer auch dein Umgang mit den Jugendlichen verändert?

Julian Hörndlein

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Ja, vor allem beim Thema Mitbestimmung. Wir beziehen Kinder und Jugendliche heute viel stärker ein und bauen damit eine bestehende Tradition im Verein weiter aus. Auch mein Vorgänger hat bereits auf Mitbestimmung geachtet und mich sehr geprägt. Dennoch war zum Beispiel die Wettkampfplanung klarer geregelt. Dort konnte es dann schon einmal sein, dass der Heimspieltag nach den Überlegungen der Funktionäre vorgegeben wurde. Heute setzen wir noch deutlich stärker auf Austausch. Zuerst mal fragen wir: Möchtet ihr überhaupt Wettkämpfe spielen? Was erwartet ihr vom Verein? Manche wollen leistungsorientierten Sport, andere einfach nur regelmäßig trainieren. Da gibt es ganz unterschiedliche Typen. Durch diese Beteiligung auf Augenhöhe gelingt es uns, dass sich die Jugendlichen ernst genommen fühlen. Das macht für mich die Arbeit als Trainer leichter, aber auch sinnstiftender, denn ich sehe: Es stößt auf fruchtbaren Boden.

Merkst du dadurch auch langfristige Veränderungen?

Julian Hörndlein

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Auf jeden Fall. Viele bleiben dem Verein länger treu, eben weil sie keinen Leistungsdruck verspüren. Wer nur zum Spielen kommen möchte, ist genauso willkommen. Das schafft eine offene Atmosphäre. Besonders schön finde ich, dass sich das herumspricht. Nach einer Schulaktion ist bei uns ein richtiger Tischtennis-Hype entstanden. Die Kinder spielen inzwischen sogar in den Pausen, und die Schule denkt darüber nach, einen weiteren Tisch anzuschaffen. Das zeigt mir: Es geht nicht nur darum, Mitglieder zu gewinnen, sondern darum, Menschen für Bewegung und Gemeinschaft zu begeistern.

Gab es Situationen, in denen dir die Ausbildung konkret geholfen hat?

Julian Hörndlein

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Ja, sowohl im Kleinen als auch im Übergeordneten. Im Training entstehen immer wieder kleine Konflikte – zwischen Altersgruppen, Kulturen oder wegen sprachlicher Barrieren. Da gelingt es meinem Trainerteam und mir ganz gut, Situationen auf Augenhöhe zu lösen und Verständnis füreinander zu schaffen. Wir hatten in einer anderen Abteilung aber auch einen größeren Konflikt zwischen zwei Vereinsmitgliedern und da war es wichtig, dass es durch meine Person als Gewaltschutzbeauftragter klare Zuständigkeiten und ein Schutzkonzept gab. Nicht alles lief perfekt, aber wir konnten besonnen handeln, das kam auch bei den Beteiligten gut an.

Was bedeutet Demokratie im Vereinsalltag?

Julian Hörndlein

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Für mich geht es nicht darum, im Training Politikunterricht zu machen. Entscheidend sind die Werte, die eine Demokratie tragen: Fairness, Respekt, Mitbestimmung, Gleichberechtigung und Offenheit. Das versuche ich im Verein vorzuleben. Auf Verbandsebene wird es dann konkreter. Dort gebe ich Workshops und unterstütze Vereine dabei, eine demokratische Kultur zu entwickeln oder mit Themen wie Extremismus und gesellschaftlichen Spannungen umzugehen.

Euer Verein ist sehr vielfältig. Funktioniert Integration über den Sport tatsächlich?

Julian Hörndlein

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Davon bin ich überzeugt. Gerade bei Jugendlichen sind Sportvereine neben Familie und Schule eines der wichtigsten sozialen Umfelder. Wir erleben immer wieder, dass junge Menschen dort Selbstvertrauen gewinnen und sich ganz positiv entwickeln. Das spiegeln uns auch die Schulen zurück.

Bei uns trainieren Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Wurzeln – unter anderem aus Indien, Frankreich oder Syrien. Vor ein paar Jahren haben wir ein Turnier für Geflüchtete organisiert. Besonders schön ist dann, wenn wir da einen schüchternen Anfänger rumstehen haben in der Halle, der irgendwie bei uns gelandet ist und dann über die Zeit zu einem selbstbewussten Vereinsmitglied wird. Wie der seine Stimme gewinnt, sich artikuliert und sagt, was er möchte, wie er Spaß am Sport hat und nach und nach zum vollwertigen Vereinsmitglied wird. Das sehe ich immer wieder und das ist wirklich sehr viel wert. Ja, der Integrationsgedanke ist für mich persönlich eine der größten Stärken des Sports.

Und wie stärkt das dann die Demokratie?

Julian Hörndlein

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Integration wirkt ja nicht nur als Einbahnstraße. Klar, die Menschen, die neu zu uns kommen, werden damit Teil der Gemeinschaft. Aber auf der anderen Seite lernen ja auch die, die keine Migrationserfahrung haben, dadurch andere Kulturen kennen. Dieses gegenseitige Kennenlernen ist das, was Verständnis füreinander schafft.

Kannst Du uns ein konkretes Beispiel nennen?

Julian Hörndlein

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Ja, das habe ich gerade erst erlebt. Kurz vor einem Turnier hat mich eine Mutter kontaktiert, die gerne traditionelle Snacks aus ihrer Heimat beim Turnier anbieten wollte. Meine Antwort war sofort: Natürlich! Ist doch großartig, wenn Menschen ihre Kultur einbringen. Und genau über so etwas Einfaches wie gemeinsames Essen kommst du dann ganz selbstverständlich miteinander ins Gespräch.

Solche Begegnungen sind, gerade im ländlichen Raum, wo viele Menschen weniger Berührungspunkte mit anderen Kulturen haben als in der Großstadt, unglaublich wertvoll. Sie stärken den Zusammenhalt – und damit auch den Gedanken unserer Demokratie.

Warum gelingt dieses Miteinander im Verein oft besser als in der großen Politik?

Julian Hörndlein

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Weil so etwas viel direkter ist. Für mich beginnt Demokratie immer vor Ort, denn bundespolitische Debatten sind für viele Menschen doch sehr abstrakt. In einem Verein erleben sie dagegen unmittelbar, was Gemeinschaft bedeutet und, dass jeder etwas dazu beitragen kann.

Wenn Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen und vielleicht auch Erfolge feiern, dann entsteht Identifikation. Solch ein Gemeinschaftsgefühl, das wünsche ich mir auch auf ganz vielen anderen Ebenen. Aber eben nicht ausgrenzend im Sinne einer geschlossenen Gesellschaft oder Bubble, sondern mit dem Gedanken: „Wir gehören zusammen, wir sind Nachbar:innen, Freund:innen und gemeinsam gestalten wir unsere Gesellschaft.“

Wenn Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen, entsteht Identifikation.Bild eines Anführungszeichens

Julian Hörndlein

Jugendleiter der SpVgg/DJK Heroldsbach/Thurn

Warum gelingt dieses Miteinander im Verein oft besser als in der großen Politik?

Julian Hörndlein

Plus-Symbol
Weil so etwas viel direkter ist. Für mich beginnt Demokratie immer vor Ort, denn bundespolitische Debatten sind für viele Menschen doch sehr abstrakt. In einem Verein erleben sie dagegen unmittelbar, was Gemeinschaft bedeutet und, dass jeder etwas dazu beitragen kann.

Wenn Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen und vielleicht auch Erfolge feiern, dann entsteht Identifikation. Solch ein Gemeinschaftsgefühl, das wünsche ich mir auch auf ganz vielen anderen Ebenen. Aber eben nicht ausgrenzend im Sinne einer geschlossenen Gesellschaft oder Bubble, sondern mit dem Gedanken: „Wir gehören zusammen, wir sind Nachbar:innen, Freund:innen und gemeinsam gestalten wir unsere Gesellschaft.“

Stichwort Gemeinschaft: Viele Vereine suchen händeringend Ehrenamtliche. Wie erlebst du das?

Julian Hörndlein

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Grundsätzlich ist es schwieriger geworden, Menschen für ein Ehrenamt zu gewinnen. Doch gleichzeitig gibt es überall diese Leuchtturmfiguren, die seit Jahrzehnten Verantwortung übernehmen. In unserer Tischtennisabteilung hatte ich genau so jemanden als Vorbild. Und es hat mich selbst stark geprägt, mit anzusehen, was so ein einzelner Mensch über viele Jahre bewirken kann.

Für mich ist bei potenziellen Ehrenamtlichen eine Sache besonders wichtig: Aufgaben überschaubar machen. Denn nicht jeder möchte verständlicherweise gleich einen kompletten Vorstandsposten übernehmen. Deshalb sollten Verantwortungsbereiche klar abgegrenzt sein, damit jeder weiß, was zeitlich auf ihn zukommt. Wenn da nicht tausend Dinge auf einmal auf einen einprasseln, fällt Engagement deutlich leichter.

Würdest du die Ausbildung zum Demokratietrainer denn weiterempfehlen?

Julian Hörndlein

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Auf jeden Fall. Ich habe bereits einige Menschen im Blick, bei denen ich mir vorstellen kann, dass die Ausbildung etwas für sie wäre. Ich habe noch niemanden direkt angesprochen, aber ich spüre schon, dass viele im Verein merken, dass diese Ausbildung einen echten Mehrwert bietet.

Für mich war damals in der Ausbildung besonders wertvoll, dass es dort den Austausch mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Sportarten gab. Das reichte von Billard über Baseball bis zu Jiu-Jitsu. Und alle bringen eigene und andere Erfahrungen mit. Das Netzwerk, das ich mir da aufgebaut habe, hat mir dann später auch in schwierigen Situationen geholfen, zum Beispiel, als ich in unserem Verein das Schutzkonzept aufgebaut habe oder als es mal zwischen zwei Vereinsmitgliedern eskaliert ist und ich fachlichen Rat gebraucht habe.

Zum Schluss: Was bedeutet Demokratie für dich persönlich?

Julian Hörndlein

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Demokratie beginnt für mich nicht erst in Parlamenten, sondern überall dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen und Gemeinschaft gestalten. Sie ist für mich das Fundament für ein gutes Zusammenleben, für Mitbestimmung und Teilhabe.

Über Julian Hörndlein

Pfeil

Julian Hörndlein ist 28 Jahre alt und arbeitet als Journalist und PR-Texter. Seine Leidenschaft gilt aber nicht nur dem Schreiben, sondern auch dem Tischtennis. Als Jugendleiter der Spielvereinigung/DJK Heroldsbach/Thurn engagiert er sich seit vielen Jahren ehrenamtlich für Kinder und Jugendliche. Zudem gehört er auch zu den ersten Demokratietrainer:innen, die TEAM Sport-Bayern ausgebildet hat. Die Ausbildung der Demokratie-Trainer:innen ist Teil des Projekts „Sport schafft Werte“. Dieses wird vom Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“ gefördert und von der Nemetschek Stiftung kofinanziert.