Herr Reichel, die AfD liegt in Sachsen-Anhalt in den Umfragen bei rund 40 Prozent. Was sagt Ihnen das über die politische Situation im Land?
Maik Reichel
Es finden sich Menschen unter den AfD-Wähler:innen, die sehr stark von ihrer Meinung überzeugt sind und die man mit Argumenten kaum noch erreicht. Aber es gibt auch viele andere, die wir bei uns die „fragilen Demokrat:innen“ nennen, also Leute, die relativ schnell auch wieder abweichen können.
Ein Teil der AfD-Wähler:innen blendet das rechtsextreme Bild der Partei aus oder sagt: „Das stimmt alles nicht, das erzählt ihr nur.“ Andere wiederum sagen sich einfach, dass „es anders werden muss“ und wählen dementsprechend. Dagegen ist schwer mit Argumenten anzukommen.
Wie groß ist aus Ihrer Sicht der harte ideologische Kern?
Maik Reichel
Was läuft aus Ihrer Sicht im politischen Wettbewerb falsch?
Maik Reichel
Wobei auch interessant ist, welche Themen für die Menschen in Sachsen-Anhalt wirklich wichtig sind. Und Migration stand da nicht im Vordergrund. Das zeigt eine Umfrage, die wir innerhalb unserer Langzeitstudie, dem Sachsen-Anhalt-Monitor, durchgeführt haben. Und trotzdem dominiert dieses Thema den politischen Diskurs, während man von der AfD über Jobs und Mobilität kaum etwas hört. Deshalb müssen sich die etablierten Parteien stärker mit ihren eigenen Themen beschäftigen: Welche Themen hat die CDU, welche die SPD, welche die anderen, die wirklich wichtig sind für das Land? Statt sich ständig an der AfD abzuarbeiten, sollten wir fragen: Wo stehen wir? Warum hat manches nicht funktioniert? Und: Welche Lösungen gibt es dafür?
Welche Rolle kann politische Bildung in dieser Situation spielen?
Maik Reichel
Natürlich könnten wir noch mehr tun, doch müsste man uns dafür entsprechend ausstatten. Wenn man uns – wie geschehen – zwei Stellen wegnimmt, haben wir weniger Menschen, die ins Land gehen und Konzepte entwickeln können.
Sie sagen, sie sind Optimist. Haben Sie trotzdem Angst? Nicht unbedingt um Ihren Job, aber …
Maik Reichel
Könnte eine neue Regierung Sie und Ihre Kolleg:innen einfach entlassen?
Maik Reichel
Man kann, wenn man will und man muss, wenn man kann.
Maik Reichel
Leiter der Landeszentrale für Politische Bildung Sachsen-Anhalt
Sie sagen sehr offensiv Ihre Meinung. Aber spüren Sie, dass sich unter dem Druck auf demokratische Institutionen andere weniger trauen, klar und deutlich ihre Meinung zu sagen?
Maik Reichel
Denn eines muss klar sein: Demokratie lebt vom Widerspruch. Sie lebt davon, dass Menschen unterschiedliche Meinungen haben, zusammenkommen und Kompromisse machen. Kompromiss ist heute fast schon zum Schimpfwort geworden. Dabei ist er ein Teil von Demokratie: der Ausgleich zwischen Mehrheit und Minderheit. Man muss manches nicht nur tolerieren, sondern auch akzeptieren. Doch das hat nachgelassen.
Sie selbst erleben immer wieder Anfeindungen. Nimmt man das mit nach Hause?
Maik Reichel
Zu Hause versuche ich, abzuschalten. Irgendwas bleibt immer hängen, aber ich mache das nicht zu meinem Leitbild. Denn wenn ich mich selbst damit herunterziehen würde, dann hätten es diese Leute geschafft. Und genau das will ich nicht. Zumal ich weiß, dass ich mir nichts vorzuwerfen habe und einen guten Weg gehe. Ich lasse mich da nicht erschüttern und denke mir: „Wegen solcher Idioten machst du jetzt weiter.“ Wenn wir der Fels in der Brandung sind, dann zeigen wir, dass wir nicht einfach einknicken.
Wie sieht es in Ihrem persönlichen Umfeld aus: Gibt es dort Menschen, mit denen Sie früher gut ausgekommen sind, die aber politisch abgedriftet sind?
Maik Reichel
Sind Sie mit diesen Leuten in die Diskussion gegangen?
Maik Reichel
Jetzt gibt es immer mehr Personen, die sagen: Lasst die AfD doch einfach regieren. Die wird sich schon selbst entzaubern!
Maik Reichel
Und noch etwas: Wenn ich als Wähler sage: „Lasst die mal das Experiment wagen“, dann weiß ich nicht, ob ich als Experimentiermasse gelten will. Da würde ich dann doch ein bisschen früher drüber nachdenken.
Macht Ihnen die Entwicklung mit Blick auf die deutsche Geschichte Sorgen?
Maik Reichel
Und wir sind nach wie vor in der Kollektivverantwortung. Nicht in der Kollektivschuld. Verantwortung zu übernehmen ist generell schwierig. Dabei muss das jeder für sich im Kleinen. Und dazu gehört eben auch dieser Teil der Geschichte. Deshalb arbeiten wir mit jungen Menschen, mit Schulen, Gedenkstätten, Fahrten und mit Zeitzeug:innen, solange es sie noch gibt. Noch vor ein paar Jahren dachte ich: Das, was wir machen, ist ausreichend, aber wo stehen wir jetzt? Ich hätte mir nie träumen lassen, darüber reden zu müssen, wo wir herkommen und welche Verantwortung wir auch als Deutsche haben. Ja, wir müssen hier noch viel mehr Angebote machen.
Die Menschen wollen keine großen Konzepte. Die wollen sehen: Was macht ihr ganz konkret für uns?
Maik Reichel
Leiter der Landeszentrale für Politische Bildung Sachsen-Anhalt
Was müsste am Wahlabend passieren, damit Sie sagen: Es ist besser gelaufen als befürchtet?
Maik Reichel
Wir müssen den Knall gehört haben und handeln. Denn unter Demokrat:innen muss man miteinander reden und auch handeln können. Sonst funktioniert das System nicht. Die Menschen wollen keine großen Konzepte. Die wollen sehen: Was macht ihr ganz konkret für uns?
Über Maik Reichel
Maik Reichel, 54 Jahre alt, ist seit Mai 2013 Direktor der Landeszentrale für Politische Bildung in Sachsen-Anhalt. Der studierte Geisteswissenschaftler ist ehemaliger Bundestagsabgeordneter und Mitglied des Stadtrates sowie Vorsitzender der SPD-Fraktion im Stadtrat von Weißenfels. Er ist geschieden und hat drei Söhne. Die als verfassungsfeindlich eingestufte Landes-AfD wirft der Landeszentrale vor, sie betreibe staatliche Indoktrination. Reichel zufolge sieht die AfD seine Institution als Feind an, weil seine Mitarbeiter:innen das Grundgesetz sowie die demokratische Grundordnung konsequent verteidigen.



