9. Dezember 2025

Zehn Jahre „Freiheit und ich“

Plus Icon Bildung//Demokratie//

Zehn Jahre lang tourte die Wanderausstellung „Freiheit und ich“ durch Deutschland, brachte Freiheitsrechte in Schulen und Bürgerhäuser und erreichte mehr als 100 Stationen. Nun endet das Projekt – in einer Zeit, in der Freiheitsrechte so stark unter Druck stehen wie lange nicht. Zum Abschluss blicken Silke Zimmermann von der Nemetschek Stiftung und Malte Spitz von der Gesellschaft für Freiheitsrechte zurück.

Nach zehn Jahren endet die Wanderausstellung „Freiheit und ich“. © Julia Krueger
Nach zehn Jahren endet die Wanderausstellung „Freiheit und ich“. © Julia Krueger

Zehn Jahre „Freiheit und ich“ – Frau Zimmermann, was hat die Nemetschek Stiftung 2015 bewogen, eine Ausstellung über Freiheitsrechte zu initiieren?

Silke Zimmermann

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Mit der Ausstellung „Freiheit und ich“ wollten wir die Wertschätzung für das Grundgesetz und die darin verankerten Freiheitsrechte stärken. Vorausgegangen war der „Walk of Liberty“, eine Intervention im öffentlichen Raum, die in Fußgängerzonen und auf Plätzen in ganz Deutschland stattfand. Damals, in einer Zeit von Politikverdrossenheit und niedriger Wahlbeteiligung, stieß das Projekt auf großes Interesse – und rückte die Bedeutung demokratischer Werte ins Bewusstsein. Doch die logistischen Grenzen des Projekts waren schnell erreicht: Mit einem LKW durch das Land zu reisen, war auf Dauer nicht praktikabel. So entstand die Idee, die Botschaft in eine kompaktere, mobile Form zu überführen – die Wanderausstellung „Freiheit und ich“. Sie ermöglichte es zehn Jahre lang, die Freiheitsrechte nachhaltig und flexibel an vielen Orten in den Fokus zu rücken.

Herr Spitz, im gleichen Jahr gründete sich die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF), um die Grund- und Menschenrechte mit rechtlichen Mitteln zu verteidigen. Was war der Anstoß dafür?

Malte Spitz

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Die Gründung der GFF war kein Protest gegen etwas, sondern ein aktiver Schritt im Einsatz für die Grund- und Menschenrechte. Die Idee entstand aus Gesprächen mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die zwar die Notwendigkeit unseres Ansatzes sahen, sie aber aus strategischen oder finanziellen Gründen nicht selbst umsetzen konnten. Also haben wir gehandelt. Unser Ziel ist, Freiheitsrechte rechtlich zu stärken – unabhängig davon, wer gerade regiert. Wir klagen, wenn staatliche Stellen Grundrechte verletzten und setzen uns für Datenschutz, Antidiskriminierung und Meinungsfreiheit ein. Es geht um den Schutz unserer demokratischen Werte.

Trotz aller Herausforderungen herrscht keine Resignation, sondern ein wachsendes Bewusstsein für den Wert unserer Freiheit.Bild eines Anführungszeichens

Malte Spitz

Generalsekretär GFF

Ist den Menschen im Land die Bedeutung der Freiheitsrechte für ihr eigenes Leben bewusst? Oder müssen Sie dafür erst sensibilisieren?

Malte Spitz

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Viele nehmen Freiheitsrechte erst dann wahr, wenn sie eingeschränkt werden. Die Pandemie hat das deutlich gemacht: Ausgangsbeschränkungen und gesperrte Spielplätze haben gezeigt, wie einschneidend Freiheitseinschränkungen sein können. Auch der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat die Bedeutung von Freiheit und Demokratie wieder deutlich gemacht. Gleichzeitig erleben viele Menschen heute reale Einschränkungen – etwa durch Angriffe auf Grund ihrer sexuellen Identität, ethnischer Herkunft oder ihrer Lebensweise. Was lange selbstverständlich schien, wird zunehmend infrage gestellt. Die Bedeutung von Freiheit wird also für viele wieder zu einem wichtigen Thema.

Frau Zimmermann, „Freiheit und ich“ hat in Schulen, Vereinen, Bürgerhäusern und Universitäten dieses Bewusstsein in der Öffentlichkeit gestärkt. Welche Rückmeldungen haben Sie von Besucher*innen und Gastgeber*innen erhalten?

Silke Zimmermann

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Die Resonanz war überwiegend positiv. Durch die bunte und teils irritierende Bildsprache wurde das vermeintlich trockene Thema der Freiheitsrechte sowohl für Erwachsene als auch für junge Menschen zugänglich. Die Ausstellung diente als eine Art „Grundrauschen“ zu Freiheitsrechten: Sie weckte Wertschätzung, ließ aber auch Raum für kritisches Hinterfragen und musste dennoch nicht ständig inhaltlich überarbeitet werden. Nach über 100 Stationen in ganz Deutschland endet die Ausstellung nun in einer Zeit, in der unsere Freiheitsrechte stark unter Druck stehen.

Entscheidend ist, wie Freiheitsrechte im Alltag erlebt und gelebt werden.Bild eines Anführungszeichens

Silke Zimmermann

Nemetschek Stiftung

Herr Spitz, sind die Freiheitsrechte heute bedrohter als vor zehn Jahren?

Malte Spitz

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Ja, die Bedrohung hat zugenommen. Einerseits werden Freiheitsrechte kritischer hinterfragt – was in einer freien Gesellschaft dazugehört. Andererseits erleben wir gezielte Angriffe, sowohl aus dem Ausland als auch von Akteuren im Inland, die oftmals von außen unterstützt werden. Das ist in der Dimension neu und besorgniserregend. Hinzu kommt der enorme Einfluss großer Digitalkonzerne, der vor zehn Jahren zwar bereits absehbar war, aber heute eine völlig neue Dynamik erreicht hat. Sie beeinflussen Meinungsbildung, Demokratie und Pluralismus erheblich. Zusammen mit globalen Krisen führt das zu einer deutlich gewachsenen Bedrohungslage für unsere Demokratie und unsere Freiheit.

Wie populär ist das Engagement der GFF für gleiche Rechte und soziale Teilhabe – gerade in Zeiten hitziger Debatten über Migration und Sozialleistungen?

Malte Spitz

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In den vergangenen zwölf Monaten hat die Aufmerksamkeit für die Arbeit der GFF deutlich zugenommen, was sich in verstärkten Reaktionen zeigt. Während es harte Kritik und Angriffe gibt, erhält die GFF auch viel Zustimmung und Dankbarkeit, etwa in Form von handschriftlichen Briefen. Das zeigt, dass das Eintreten für Grundrechte zwar nicht immer populär ist, aber dennoch von vielen Menschen geschätzt wird.

Welche Gefahren sehen Sie heute und in Zukunft für die Freiheitsrechte – mit Blick auf die Wahlsiege der AfD in Deutschland sowie anderer rechter Parteien in ganz Europa und dem Politikwechsel unter der Trump-Regierung in den USA?

Silke Zimmermann

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Die größte Gefahr liegt im wachsenden Misstrauen gegenüber Freiheitsrechten. Falsche Narrative, wie etwa die Behauptung, es gebe keine Meinungsfreiheit mehr, untergraben das Vertrauen in unsere demokratische Ordnung. Diese schleichende Erosion ist gefährlicher als offene Angriffe auf das Grundgesetz. Entscheidend ist, wie Freiheitsrechte im Alltag erlebt und gelebt werden.

Herr Spitz?

Malte Spitz

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Absolut. Deutschland ist im internationalen Vergleich ein sehr freies Land. Aber es gibt Akteure, die gezielt Misstrauen säen und den freiheitlichen Kanon schwächen wollen. Das ist gefährlich für kommende Generationen. Gleichzeitig gibt es positive Entwicklungen: Die gesellschaftliche Auseinandersetzung hat vielerorts zu einer höheren Wahlbeteiligung und mehr lokalem Engagement geführt. Viele Menschen treten aktiv für Demokratie und Freiheit ein – in Bündnissen, auf Demonstrationen, in ihrem Alltag. Trotz aller Herausforderungen herrscht keine Resignation, sondern ein wachsendes Bewusstsein für den Wert unserer Freiheit.

Über „Freiheit und ich“

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„Freiheit und ich“ war eine interaktive Wanderausstellung der Nemetschek Stiftung, die Menschen über zehn Jahre hinweg dazu einlud, die im Grundgesetz verankerten Freiheitsrechte neu zu entdecken.

Mehr Informationen zur Ausstellung gibt es hier